HKW Reuter West

von Konstantin Wnuck

Auf Forschungsreise durch ein Berliner Heizkraftwerk

Am 29.8. hatten einige Parkeisenbahner im Rahmen unseres Ferienprogramms die Gelegenheit das Heizkraftwerk (HKW) Reuter West zu besuchen, denn das Thema Energie und wie sie gewonnen wird, spielen für die Kinder und Jugendlichen bei der Parkeisenbahn sowie für alle Eisenbahnbegeisterten eine große Rolle.

Das Kraftwerk liegt im Nordwesten von Berlin in Siemensstadt, nahe dem Rangierbahnhof Ruhleben. Das Kraftwerk arbeitet mit einer Kraft-Wärme-Kopplung und erreicht so durch Mehrfachnutzung von Wärme und Dampfenergie einen sehr hohen Wirkungsgrad.

Unsere Führung begann im Besucherzentrum, wo sich auch das Casino und die Kantine des Kraftwerks befindet. Zum Einstieg bekamen wir von Frau Uhlmann vom HKW einen spannenden Vortrag über den Aufbau und die Funktionen des HKW Reuter West.

Ausgerüstet mit Helmen und Schutzbrillen begannen wir unseren Rundgang über den gigantischen Gebäudekomplex. Vom Kohlelagerplatz, über den Kessel, den Kühlturm und die Turbinen und den Leitstand konnten wir alle Prozessschritte von der Kohle zum Strom besichtigen.

Das HKW Reuter West ist mit einer Leistung von 600 MW das leistungsstärkste Kraftwerk in Berlin. Aus dem mit Steinkohle befeuerten Kraftwerk wird auch gleichzeitig noch Fernwärme ausgekoppelt welche in kalten Tagen die Berliner Innenstadt mit Wärme versorgt. Ca. 55.000 Haushalte (780 MW) werden allein durch die Abwärme noch beheizt. Erbaut 1987 gruppieren sich zwei baugleichen 300 MW-Kraftwerksblöcken in den modernen Kesselgebäuden.

Am 3. Februar 1989 ging das Heizkraftwerk Reuter West offiziell in Betrieb. Neun Monate vor dem Mauerfall war die „Strom-Insel“ West-Berlin in ihrer Energieversorgung ein großes Stück sicherer geworden – abgesehen davon, dass die Steinkohle fürs Kraftwerk noch durch die DDR nach Spandau transportiert wurde.

Im HKW Reuter West wird die Energie, ähnlich wie bei unseren Dampflokomotiven, aus Steinkohle gewonnen. Denn Steinkohle enthält viel gespeicherte fossile Energie. In Reuter West werden max. 260.000t Steinkohle auf den riesigen Kohlelagerplätzen gelagert. Ohne Nachschub würde der Vorrat für etwa 58 Tage reichen, genug für eine Berliner Heizperiode. Davon werden 75% per Schiff und 25% per Bahn angeliefert. Direkt an der Spree gelegen nutzt das HKW das Wasser des Flusses nicht nur zur Anlieferung des Rohstoffs, sondern auch als Kühlwasser.

Es versteht sich von selbst, dass elektrische Energie nicht erzeugt werden kann, sondern nur aus anderen Energien umgewandelt wird. Das Prinzip eines Heizkraftwerkes ist also einfach: Mit Kohle (chemischer Energie) wird Wasser gekocht, der Dampf dann auf Turbinenschaufeln geleitet, die eine Welle drehen. Diese treibt einen Generator an, vergleichbar mit einem großen Fahrrad-Dynamo, und schon gibt es elektrische Energie.

Von den Kohlelagerplätzen gelangt die Steinkohle über Transportbänder witterungsgeschützt in die Kohlebunker. In den Kohlemühlen wird dann die Steinkohle zu einblasfähigem Staub zermahlen und in die Kessel eingeblasen. Die Mahlleistung einer Mühle beträgt 28 Tonnen je Stunde. Turnusmäßig werden die Kohlemühlen instandgesetzt. Bei einem unplanmäßigem Ausfall der Mahlwerke können die Kessel jedoch auch mit Schweröl befeuert werden.

Anders als ein nur Strom produzierendes reines Kondensationskraftwerk mit einer Nutzenergie von 38%, beträgt bei einem Kraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung wie dem HKW Reuter West die Nutzenergie 80% und ist mit seiner Rauchgasreinigungsanlage, die die Stickoxide entfernt, sehr sauber. Der Staubanteil im Rauchgas wird über Elektrofilter zurückgehalten und nach Zwischenlagerung an die Baustoffindustrie weiter abgegeben.

In der Rauchgas-Entschwefelungs-Anlage wird eine Kalksteinsuspension in den Rauch eingeblasen und die entstehende Gipsflüssigkeit wird in einer Zentrifuge zu Gips mit einer Restfeuchtigkeit von 10 Prozent getrocknet. In der Entschwefelungsanlage werden bis zu 6 Tonnen Gips pro Stunde erzeugt der dann u. a. zur Herstellung von Rigips-Platten, an die Baustoffindustrie geliefert wird.

Als Abschluss der Energiekette besichtigten wir die Maschinenhalle. In der riesigen Maschinenhalle verloren wir uns fast. Das Feuer im Kessel erhitzt den Dampf auf 540 °C, der dann mit einem Druck von 196 bar über gewaltige Rohrleitungen, auf die Schaufelblätter der Turbinen gepresst wird. Aus der Kraft der Drehbewegung wird dann durch elektromagnetische Induktion im Generator Strom erzeugt. Wegen des Betriebsgeräusches der mit 3.000 Umdrehungen pro Minute drehenden Turbine ist bei längerem Aufenthalt in der Maschinenhalle das Tragen eines Gehörschutzes vorgeschrieben.

Die Gesamtlänge von Turbine und Generator beträgt 35 Meter. Beide sind schwingungsfrei von der Maschinenhalle entkoppelt. Die Kühlung der Lager der Antriebswelle sowie der Generatorspulen erfolgt mit flüssigem Wasserstoff. Die Nennspannung des Generators beträgt 22.000 Volt. Zur Übertragung der Leistung wird die Spannung dann von 22 kV auf 380 kV hochtransformiert.

Mit dem Fahrstuhl ging es dann hochhinaus auf das Dach des riesigen Kesselhauses. Der Ausblick, nur etwas für Menschen ohne Höhenangst, bietet ein unvergleichliches Berlin-Panorama und einen grandiosen Rundumblick, u.a. auf Siemensstadt, die Altstadt Spandau und den Flughafen Tegel. Dieser beeinflusste auch die Bauhöhen von Kesselhaus und Kühlturm.

Der Nasskühlturm ist 100 m hoch. Der für die Fernwärme nicht nutzbare Dampf gibt hier seine Energie an die Umgebungsluft ab. Das kondensierte Wasser wird dann wieder in den Kessel eingespeist.

Den Abschluss machte ein Blick in die Schaltwarte – die ähnlich einer Betriebszentrale der DB Netz AG für die Bahnanlagen – den gesamten Prozess der Strom und Wärmeerzeugung überwacht und automatisch steuert. Wenige spezialisierte Mitarbeiter arbeiten hier und sichern rund um die Uhr den Betrieb im HKW Reuter West ab.

Nach der etwa 3 stündigen Führung durch den Kraftwerkskomplex waren wir überwältigt von der Größe der Anlage, den vielen Informationen und von dem geringen Personalaufwand mit der die Energiegewinnung im HKW Reuter West betrieben wird. Den obwohl alles zischt, faucht, raucht und rüttelt bekommt man als Besucher, mit Ausnahme der Schaltwarte des Leitstands, kaum einen der Mitarbeiter zu Gesicht. Die meisten Arbeiten sind automatisiert und Sensoren übernehmen die nötigen Kontrollarbeiten.

Einen herzlichen Dank an Vattenfall und vor allem an Frau Uhlmann für die sehr engagierte kompetente, spannende und kurzweilige Führung und die interessanten Einblicke in die Strom- und Wärmeerzeugung mitten in Berlin.

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